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Zecken-übertragbare Erreger müssen interdisziplinär beforscht werden

Wissenschaftler trafen sich in Berlin zum internationalen Austausch – Hintergrundinformationen zu Zecken-übertragbaren Erkrankungen

06.08.2012. In jedem Frühjahr wieder wird die Bevölkerung über die Medien vor dem Auftreten von Zecken gewarnt. Die wissenschaftlichen Hintergründe zu Zecken und den von ihnen übertragenen Erregern wurden am 21. und 22. Juni auf dem internationalen Workshop „Tick-Borne Diseases“  –  „Zecken-übertragene Erkrankungen“ – in Berlin beleuchtet.

Zecken übertragen Erreger auf Menschen und Tiere während ihrer Blutmahlzeiten

Um zu verstehen, was Zecken gefährlich macht und warum diese Gefahr offensichtlich in den letzten Jahren zunimmt, sind grundlegende Kenntnisse über Zecken und zeckenübertragbare Erkrankungen notwendig.  

 

 
Abbildung 1: Übertragungszyklus des Erregers der Lyme-Borreliose (Quelle IWF, modifiziert)  
Zecken gehören zur Klasse der Spinnentiere und zur Unterklasse der Milben. In Deutschland zählt zu den bekanntesten Vertretern der Gemeine Holzbock (mit wissenschaftlichem Namen Ixodes ricinus). Ebenfalls in Deutschland, jedoch etwas seltener treten die Buntzecken auf (wissenschaftlicher Name Dermacentor reticulatus und Dermacentor marginatus). Alle Zecken entwickeln sich in mehreren Entwicklungsstadien mittels Häutung von der Larve über die Nymphe zur erwachsenen (adulten) Zecke. Vor jeder Häutung benötigt die Zecke eine Blutmahlzeit, für die sie Nagetiere, Vögel und mittelgroße und große Warmblüter, aber auch Eidechsen suchen. Immer häufiger treffen sie bei der Suche eines Blutspenders auch auf Menschen. Für eine Blutmahlzeit bohren Zecken ihre Mundwerkzeuge in die Haut ihres Wirtes. Beim mehrere Tage dauernden Saugakt können die Zecken von bereits infizierten Wirten Erreger aufnehmen oder, falls sie bereits Träger von Krankheitserregern sind, Erreger auf den Wirt übertragen (Abbildung 1 am Beispiel Borrelia burgdorferi, Quelle IWF).

 

Übersicht über Erreger, die durch Zecken übertragen werden können:  

 Erreger Erkrankung  Reservoirwirt    Verbreitung in Deutschland  
Viren
TBEV/FSMEV Frühsommer-Meningoencephalitis Nagetiere Risikogebiete in Süddeutschland
Bakterien
Anaplasma  phagozytophilum Anaplasmose Wiederkäuer, Nagetiere verteilt in D.
Bartonella  spp.* Bartonellose, bzw. Katzenkratzkrankheit diverse Säugetiere selten, aber verteilt in D.
Borrelia burgdorferi sensu lato** Lyme-Borreliose Nagetiere, Vögel, Eidechsen überall in D. häufig
Coxiella burnetii*  Q-Fieber Schafe, Ziegen, Rinder bei Seuchen-ausbrüchen in der Nähe von Schaf- und Ziegenhaltungen
Francisella tularensis* Tularämie, bzw. Hasenpest  Hasenartige selten, aber verteilt in D.
Rickettsien Rickettsiose  ? verteilt in D.
Parasiten
Babesia spp. Babesiose div. Säugetiere  verteilt in D.
 

 

 

 
 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

* Andere Übertragungswege als über Zecken sind möglich und meist häufiger.

** In Deutschland unterteilt sich die Gruppe in7 Arten, B. afzelii, B. garinii, B. burgdorferi, B. spielmanii, B. bavariensis (pathogen) und B. valaisiana, B. lusitaniae (nicht-pathogen), die wiederum ganz unterschiedliche Reservoirtiere nutzen. 

 

Forschung und Forschungsinfrastrukturen leisten einen wesentlichen Beitrag bei der Bekämpfung Zecken-übertragbarer Erkrankungen

Der Workshop „Tick-Borne Diseases“ thematisierte das enge Zusammenspiel zwischen Zecken, Menschen, Tieren und Krankheitserregern. Dr. Klaus Henning vom Friedrich-Loeffler-Institut, der zu dieser Veranstaltung eingeladen hatte, zeigte sich über die große Teilnehmerzahl erfreut: „Es ist essentiell, dass Wissenschaftler aller Fachrichtungen zum Austausch bei diesem von TMF und Zoonosenplattform unterstützten Workshop zusammenfinden“, betonte er bei der Eröffnung. Denn um aussagekräftige Forschung im Gebiet Zecken-übertragbarer Erkrankungen zu betreiben, ist es wichtig, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler interdisziplinär zusammenarbeiten. Schließlich können Zecken sowohl Bakterien, als auch Viren und einzellige Parasiten auf Wildtiere, Haustiere und Menschen übertragen. Häufig werden deshalb von Human- und Tiermedizinern in Forschungsprojekten Biologen, Ökologen und Forscher weiterer Fachrichtungen hinzugezogen, um ein breites Bild vom Vorkommen der Zecken und der Verbreitung der Erreger zu erhalten. Infrastruktureinrichtungen, wie die TMF und die Nationale Forschungsplattform für Zoonosen, unterstützen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei der vernetzten Forschung.

 

Wiederkäuer auf der Weide schützen vor Lyme-Borreliose

Im Rahmen des Workshops wurde dargestellt, dass das Zusammenspiel von veränderten Umweltbedingungen und landwirtschaftlichen Nutzungen,  Tierhaltungsformen und Verhaltensweisen der Menschen zu vermehrten Kontakten von Menschen und Zecken führt. Zudem treten Zecken in Gebieten, in denen früher ein geringerer Befall beobachtet wurde, aufgrund veränderter Nutzungsformen inzwischen vermehrt auf. Dr. Dania Richter und Prof. Dr. Franz-Rainer Matuschka an der Charité in Berlin konnten in wissenschaftlichen Studien belegen, dass extensive Beweidung mit Wiederkäuern (z.B. Rinder, Schafe, Ziegen) die Lebensbedingungen für Zecken und solche Zeckenwirte verschlechtert, die als Reservoirwirte für die Erreger der Lyme-Borreliose dienen. Dieses durch die Baden-Württemberg-Stiftung finanzierte Projekt zeigte außerdem, dass infizierte Zecken während ihrer Blutmahlzeit an Wiederkäuern diese Erreger verlieren. Denn Rinder und andere Wiederkäuer sind Fehlwirte für Lyme-Borrelien, d.h. die Erreger können sich in ihnen nicht halten und auch nicht weiterverbreiten. Das Ergebnis sind „saubere“ Zecken. Der Zusatznutzen dabei ist: wenn Zecken an Wiederkäuern saugen, werden andere Wirte derweil verschont. Feldversuche, bei denen Zecken in beweideten und nicht beweideten Arealen gesammelt und ihre Erregerlasten bestimmt wurden, bestätigten dies in der Praxis. Die Wahrscheinlichkeit, mit einer infizierten Zecke in Kontakt zu kommen, war auf Weiden drastisch geringer (bis zu 50fach) als auf benachbarten, nicht beweideten Arealen. 

 

Impfen gegen FSME

Frühsommer-Meningoencephalitis (FSME) wird durch das FSME-Virus (oder auch TBEV genannt) ausgelöst und kommt vor allem in Süddeutschland vor. Symptome sind neben grippe-ähnlichen Erkrankungen neurologische Anzeichen infolge der Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute. Studien, die Dr. Donoso Mandke vom Robert Koch-Institut (RKI) auf dem Workshop im Juni vorstellte, lassen die Hoffnung aufkommen, dass die Untersuchung von Mäusen wertvolle Hinweise auf das Vorkommen von TBEV, für die Vorhersagbarkeit und dessen künftige Ausbreitung geben können. Die aktuellen Meldedaten von FSME-Krankheitsfällen werden auf einer alljährlich vom RKI aktualisierten Risikolandkarte bekannt gegeben. Bewohnern und Besuchern dieser ausgewiesenen Risikogebiete empfiehlt die Ständige Impfkommission eine Impfung gegen FSME. Diese Impfung schützt vor der Infektion mit FSME-Viren, jedoch nicht gegen den Befall mit Zecken und auch nicht gegen eine andere in Deutschland häufigere und weiter verbreitete zecken-übertragene Krankheit, die Lyme-Borreliose. Diese beiden Erkrankungen sind keinesfalls zu verwechseln.

Die Lyme-Borreliose wird durch Bakterien aus der Gruppe Borrelia burgdorferi sensu latu ausgelöst und kommt Deutschland-weit vor. Gegen die Lyme-Borreliose ist kein Impfstoff verfügbar. Die Infektion lässt sich jedoch in der Regel mit Antibiotika gut behandeln. Im Übrigen gilt: vorbeugen ist besser als behandeln. Hinweise, wie man sich gegen Zeckenbisse und die Infektion mit Borrelia burgdorferi schützen kann, kann man zum Beispiel in der Informationsbroschüre der Baden-Württemberg-Stiftung nachlesen. 

 

Weniger bekannt: Bartonellen, Babesien und Rickettsien werden von Zecken übertragen

Neben den bereits genannten, bekanntesten von Zecken übertragbaren Krankheiten, FSME und Lyme-Borreliose, gibt es weitere Krankheiten, die mit Zeckenstichen bei Menschen in Verbindung gebracht werden. Hierzu zählen Tularämie (sog. Hasenpest), Babesiose, Anaplasmose, Bartonellose, Rickettsiose oder das Q-Fieber. Die Tularämie wird durch das Bakterium Francisella tularensis hervorgerufen. Häufig sind von dieser Erkrankung, die mit starkem Anschwellen der Lymphknoten und Geschwüren auf der Haut (sog. Ulcera) einhergeht, Forstwirte oder Waldarbeiter betroffen. Auch Infektionen mit Anaplasmen, Bartonellen und Rickettsien können gelegentlich in Wald-nahen Gebieten auftreten, was Wissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München dazu bewog, Wildschweine und Rehe auf Anzeichen dieser Erreger zu untersuchen.

Dr. Cornelia Silaghi von der LMU stellte auf dem Workshop in Berlin ihre Studien vor. Demnach können Rehe als Wirte für bestimmte Babesien- und Anaplasmenspezies in Deutschland bestätigt werden und können als wahrscheinliches Reservoir für Bartonellen gelten. Rickettsien wurden bei beiden Wildtierarten nicht nachgewiesen, so dass das Reservoir für diesen Erreger woanders zu suchen sein wird.    

     

 
  Dr. Klaus Henning begrüßt die Teilnehmer des Workshops Zecken-übertragene Erkrankungen und betont die Notwendigkeit fachübergreifender Zusammenarbeit.

Beim Erreger des Q-Fiebers, der vor allem Schafe, aber auch Ziegen und Rinder als Reservoir nutzt, ist umstritten, welche Rolle Zecken bei der Übertragung tatsächlich spielen. Dr. Klaus Henning vom Friedrich-Loeffler-Institut berichtete auf dem Workshop, dass Coxiella burnetii, der Erreger des Q-Fiebers, in Zecken nachgewiesen werden konnte und Zeckenbisse und Zeckenkot in der Lage seien, zur Übertragung des Erregers auf Menschen beizutragen. Jedoch stimmt er mit den anwesenden Wissenschaftlern überein, dass die weite und leichte Verbreitung des sporenbildenden Erregers, der v.a. beim Ablammen in die Umwelt gelangt, durch den Wind in der Vergangenheit weitaus häufiger zu Infektionen führte und der wahrscheinlichere und damit bedeutsamere Übertragungsweg ist. 

 

Neu: Neoehrlichia mikurensis

Relativ neu entdeckt in der Reihe Zecken-übertragener Erreger ist Neoehrlichia mikurensis. Prof. Dr. Martin Pfeffer von der Universität Leipzig stellte in seinem Vortrag aktuelle Studien zum Vorkommen des Erregers bei Zecken in Deutschland und Dänemark vor. Nach eigenen Studien konnten er und seine Kollegen je nach Sammelort und Häutungsstadium der Zecken in bis zu 36% der Probenpools N. mikurensis nachweisen. Zudem konnten sie in einigen Zecken mehrere Erreger (z.B. zusätzlich Anaplasmen oder Babesien) finden. Da der Erreger auch in verschiedenen Mäusearten nachgewiesen werden konnte, ist anzunehmen, dass Mäuse auch im Falle dieses Erregers ein Reservoir darstellen. Nach aktuellem Wissen sind sowohl Haustiere als auch Menschen mit N. mikurensis infizierbar. Vorliegende Fallberichte sprechen jedoch dafür, dass nur Personen mit sehr geschwächtem Immunsystem Krankheitssymptome entwickeln. 

 

Nach zwei Tagen Workshop zu Zecken-übertragenen Erkrankungen gehen die Wissenschaftler am 22. Juni 2012 wieder auseinander, jedoch nicht ohne sich zu bestätigen, dass eine solche Veranstaltung regelmäßigen wiederholt werden sollte, um die aktuellen Erkenntnisse der verschiedenen Fachgebiete gemeinsam zu diskutieren und zusammenzuführen. Dr. Henning ist bereits in der Planung für das kommende Jahr.


  1. Workshop-Programm
  2. Webseite der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen

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