Home
Über uns
Mitglieder
Arbeitsgruppen
Projekte
Produkte
Publikationen
Stellungnahmen
News
Interviews
Newsletter
Presse
Termine
Stellenmarkt
Online-Services
 

 

„Es muss eine gemeinsame Sprache geben“

Interwiew mit Dr. Gabriele Hausdorf, Referatsleiterin Gesundheitsforschung im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

April 2008. Querschnittsstrukturen tragen dazu bei, dass zunehmend auch die einzelnen Patienten in der Breite der Versorgung nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen behandelt werden.

Das Interview führten Antje Schütt und Sebastian C. Semler am 15. Februar 2008. Eine leicht gekürzte Fassung des Interviews ist im TMF-Jahresbericht 2007 erschienen.

Frau Dr. Hausdorf, das BMBF unterstützt seit Jahren die Zusammenarbeit von Forschern in den biomedizinischen Fächern und bemüht sich, hierfür geeignete Bedingungen zu schaffen. Wird sich dieser Trend fortsetzen?

Ja. Das BMBF hat bereits in der Vergangenheit eher seltener einzelne Wissenschaftler mit ihren Einzelprojekten gefördert. Im Mittelpunkt standen weitestgehend Verbünde. Diese Entwicklung hat mit der Etablierung der Interdisziplinären Zentren für Klinische Forschung, den IZKF, ab Mitte der 90er-Jahre einen besonderen Schub bekommen und sich dann auch fortgesetzt.

Wir haben erkannt, dass mehr Ergebnisse, mehr Synergien erzielt werden, wenn man innerhalb von Verbünden, innerhalb von Netzwerken zusammenarbeitet und wenn man dafür auch Strukturen schafft. Es muss vermieden werden, dass sich jeder seine eigene Infrastruktur aufbaut und die Lösungen dann nicht kompatibel zueinander sind.

Wie haben sich denn die Förderausschreibungen in den vergangenen zehn Jahren auf Basis der Erfahrungen mit vernetzter Forschung geändert?

Quervernetzungen und übergreifende Forschungsthemen haben sich zunächst aus der Wissenschaft heraus selbst ergeben. Mit der Entwicklung der vernetzten Forschung und der Etablierung entsprechender Fördermaßnahmen wurde die Notwendigkeit übergreifender Aktivitäten zunehmend deutlicher. Deshalb ist das BMBF dazu übergegangen, in Bekanntmachungen klare Querschnittsaktivitäten einzufordern. Gefragt waren Lösungen für Fragestellungen, die eben nicht nur von einem Verbund, sondern von mehreren genutzt werden können.

Werden Sie diesen Ansatz weiterverfolgen?

Auch hier ein klares Ja! Wir haben im vergangenen Jahr  beispielsweise die Ausschreibung zur Methodenentwicklung veröffentlicht. Sie dient genau dazu herauszufinden, wo Harmonisierungen, wo Standards notwendig sind, wo man Dinge vereinheitlichen und gemeinsam nutzen kann.

Aus der Wissenschaft kam immer häufiger die Rückmeldung, dass ein einzelner Forscher mit der Lösung bestimmter Fragestellungen zeitlich und finanziell überfordert sein kann. Denken Sie mal an den Bereich klinische Studien, beispielsweise zum Thema seltene Erkrankungen. Hier sind besondere Anforderungen an das Studiendesign zu stellen. Das gleiche gilt für die molekulargenetische Auswertung von diagnostischen Tests und viele andere Verfahren.

Ich denke dass es der einzelne Wissenschaftler zu schätzen weiß, wenn er Serviceleistungen geboten bekommt, die er nutzen kann. Dem dient der bereits erwähnte Förderschwerpunkt Methodenentwicklung. Dabei geht es vor allem darum, Methoden zu entwickeln, die wirklich von mehreren genutzt werden können. Einzellösungen haben keine Chance.

Wie können die Ergebnisse aus dieser Ausschreibung ihren Nutzen in der Forschergemeinschaft entfalten?

Sie können ihren Nutzen sicher nur dann entfalten, wenn sie nicht nur für diejenigen hilfreich sind, die jetzt einen Förderantrag bewilligt bekommen und gefördert werden, sondern wenn sie so gut sind, dass sie in der Community angenommen werden. Der Anfang ist schwer, aber wir hoffen, dass diejenigen, die Anträge stellen, im Vorfeld bereits mit vielen Wissenschaftlern gesprochen haben, den Nutzen transportieren konnten und die Ergebnisse auf breites Interesse stoßen – ja dass man sich letzten Endes darum reißt, die Ergebnisse nutzen zu können.

Aber es ist auch ein Versuch. Die Bekanntmachung ist anders als die sonst üblichen. Wir lassen deutlich mehr inhaltliche und methodische Flexibilität zu. Wir werden sehen, wie diese Aufforderung angenommen wird.

Generell können Sie eine Tendenz erkennen, mehr offene Bekanntmachungen zu veröffentlichen, wobei es in den meisten Fällen bisher eine Eingrenzung auf eine bestimmte Fragestellung, wenn auch nicht unbedingt auf eine Indikation gab.

Was wünschen Sie sich denn von den Forschern in dem Zusammenhang?

Von der Forschung wünsche ich mir, dass die Erkenntnis, dass Teamarbeit nötig ist, mehr  und mehr auch in der eigenen Arbeit umgesetzt wird. Das wird noch ein sehr langer  Weg sein. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass fast jeder über Teamarbeit redet, diese dann aber oft nicht aktiv praktiziert.

Wenn man jahrzehntelang als „Einzelkämpfer“ eher  Anerkennung fand als im Team, so konnte das nicht ohne Auswirkungen bleiben. Und eine solche Entwicklung kann man nicht auf Knopfdruck rückgängig machen. Veränderungen im Anerkennungsgefüge halte ich für erforderlich: mitarbeiten ohne Federführer zu sein, Lösungen nutzen, die ein anderer entwickelt und aufgebaut hat.

Dass der vielleicht etwas altruistische Gedanke, dass Netzwerkbildung notwendig ist, damit nicht jeder seine eigene Insellösung schaffen muss, mehr Verbreitung findet –  das würde ich mir wünschen.

Langfristig wird es notwendig sein, dass die medizinische Forschung eine gemeinsame IT-Infrastruktur aufbaut – und diese auch nutzt.

Welche Hindernisse sehen Sie dabei?

Dass man eine gemeinsame IT-Infrastruktur braucht, hatten wir erkannt, als die TMF ins Leben gerufen wurde: Die Telematikplattform war ursprünglich mit dem Ziel gegründet worden, eine solche Infrastruktur aufzubauen. Dass sich die Aufgaben der TMF inzwischen erweitert haben, ist letzten Endes der Notwendigkeit geschuldet, über die wir gesprochen haben: dass sich nicht jeder Forscher einzeln hinsetzen und im stillen Kämmerlein Lösungen für seine Probleme entwickeln sollte.

Solche übergreifenden Lösungen sind notwendig, wenn man das Ziel ernst nimmt, das wir der Forschung immer als Anforderung stellen: Forschungsergebnisse schneller in die Patientenversorgung zu bringen, also den Transfer von Forschung, von Grundlagenforschung in die medizinische Praxis zu beschleunigen.

Dazu braucht man einerseits gegenseitiges Verständnis: Ein Naturwissenschaftler muss die „Nöte“ der Mediziner kennen – deshalb ist es auch gut, wenn viele Mediziner in die Forschung gehen. Die Forschung muss also wissen, was die Praxis, was die Patienten brauchen, aber die Praxis muss auch wissen, was die Forschung zu bieten hat. Und um dieses Zusammenspiel zu erleichtern, muss es eine gemeinsame Sprache geben bedarf es gemeinsamer Werkzeuge, z. B. IT-Werkzeuge. So wie die Pseudonymisierungslösung für Studien, die in der TMF gemeinsam erarbeitet worden ist.

Werden Sie, neben Anreizen, gemeinsame Infrastrukturen aufzubauen, auch die Nutzung solcher Infrastrukturen fördern – oder dies fordern, um Doppelentwicklungen zu vermeiden?

Das eine hängt sicher mit dem anderen zusammen. Wenn Sie sich die Bekanntmachungen zu den krankheitsbezogenen Kompetenznetzen anschauen, dann wird darin gefordert, dass vorhandene Expertise gerade bei Querschnittsaktivitäten zu nutzen ist. Wir werden darauf in der Begutachtung der eingereichten Anträge achten. Wenn jemand Methoden entwickeln will, von denen wir genau wissen, dass es sie schon gibt, dann wird das nicht akzeptiert. Wenn man Infrastruktur aufbauen will, wird der Nachweis, dass es dazu noch nichts gibt, auf jeden Fall notwendig sein.

Was wird der einzelne Patient von alledem haben?

Ich hoffe sehr viel! Ich habe erst kürzlich wieder wahrgenommen, dass es Gebiete gibt, wo Leitlinien ohne Begründung und Erklärung lediglich zu 50 Prozent genutzt werden, wo es teilweise gar keine Leitlinien gibt – und das betrifft nicht einen einzelnen Indikationsbereich. Die Patienten sind unzureichend informiert, die Ärzte oft ungenügend vernetzt oder können die neuesten Erkenntnisse nicht nutzen – aus welchen Gründen auch immer, aus sozialen Gründen oder  weil die notwendigen Tools nicht zur Verfügung stehen.

Es ist noch unheimlich viel Arbeit notwendig, um dafür zu sorgen, dass der Erkenntnisgewinn, den man durch Forschung erzielen konnte, wirklich schnell an den Patienten kommt. Mit Querschnittstrukturen, mit Aktivitäten wie sie zum Beispiel in der TMF stattfinden – IT spielt da für mich eine ganz wesentliche Rolle –, kann man schon dafür sorgen, dass zunehmend der einzelne Patient in der Breite und nicht nur in den großen Zentren in den Genuss neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse kommt.

  1. Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

  2. BMBF-Ausschreibung zur "Instrumenten- und Methodenentwicklung für die patientenorientierte medizinische Forschung

  3. TMF-Jahresbericht 2007 [PDF, 4 MB]


News Archiv

November 2019 (4)

September 2019 (8)

August 2019 (2)

Juli 2019 (3)

Juni 2019 (4)

Mai 2019 (5)

April 2019 (3)

März 2019 (5)

Februar 2019 (2)

Januar 2019 (2)

Dezember 2018 (6)

November 2018 (5)

Oktober 2018 (9)

September 2018 (5)

August 2018 (3)

Juli 2018 (2)

Juni 2018 (7)

Mai 2018 (1)

April 2018 (1)

März 2018 (7)

Februar 2018 (2)

Januar 2018 (7)

Dezember 2017 (6)

November 2017 (2)

Oktober 2017 (3)

September 2017 (4)

August 2017 (1)

Juli 2017 (8)

Juni 2017 (9)

Mai 2017 (4)

April 2017 (2)

März 2017 (5)

Februar 2017 (2)

Januar 2017 (4)

Dezember 2016 (8)

November 2016 (5)

Oktober 2016 (4)

September 2016 (7)

August 2016 (5)

Juli 2016 (8)

Juni 2016 (5)

Mai 2016 (3)

April 2016 (11)

März 2016 (5)

Februar 2016 (3)

Januar 2016 (8)

Dezember 2015 (6)

November 2015 (3)

Oktober 2015 (8)

September 2015 (5)

August 2015 (4)

Juli 2015 (7)

Juni 2015 (7)

Mai 2015 (5)

April 2015 (2)

März 2015 (6)

Februar 2015 (7)

Januar 2015 (8)

Dezember 2014 (6)

November 2014 (9)

Oktober 2014 (10)

September 2014 (3)

Juli 2014 (6)

Juni 2014 (5)

Mai 2014 (4)

April 2014 (8)

März 2014 (8)

Februar 2014 (6)

Januar 2014 (7)

Dezember 2013 (8)

November 2013 (6)

Oktober 2013 (5)

September 2013 (10)

August 2013 (4)

Juli 2013 (8)

Juni 2013 (7)

Mai 2013 (4)

April 2013 (9)

März 2013 (9)

Februar 2013 (5)

Januar 2013 (5)

Dezember 2012 (7)

November 2012 (5)

Oktober 2012 (5)

September 2012 (5)

August 2012 (3)

Juli 2012 (4)

Juni 2012 (4)

Mai 2012 (3)

April 2012 (3)

März 2012 (5)

Januar 2012 (7)

Dezember 2011 (2)

November 2011 (8)

Oktober 2011 (10)

September 2011 (2)

August 2011 (5)

Juli 2011 (3)

Juni 2011 (5)

Mai 2011 (8)

April 2011 (4)

März 2011 (5)

Februar 2011 (3)

Januar 2011 (5)

Dezember 2010 (3)

November 2010 (3)

Oktober 2010 (5)

September 2010 (9)

August 2010 (5)

Juli 2010 (6)

Juni 2010 (12)

Mai 2010 (3)

April 2010 (4)

März 2010 (4)

Februar 2010 (4)

Januar 2010 (1)

Dezember 2009 (1)

November 2009 (1)

Oktober 2009 (5)

September 2009 (8)

August 2009 (1)

Juli 2009 (8)

Juni 2009 (6)

Mai 2009 (2)

April 2009 (6)

März 2009 (5)

Februar 2009 (4)

Januar 2009 (2)

Dezember 2008 (3)

November 2008 (6)

Oktober 2008 (3)

September 2008 (5)

August 2008 (3)

Juli 2008 (5)

Juni 2008 (4)

Mai 2008 (3)

April 2008 (6)

März 2008 (3)

Februar 2008 (1)

Januar 2008 (2)

Dezember 2007 (2)

November 2007 (4)

Oktober 2007 (4)

September 2007 (5)

Juni 2007 (2)

Mai 2007 (1)

April 2007 (6)

Januar 2007 (1)

Dezember 2006 (8)

November 2006 (4)

Oktober 2006 (1)

September 2006 (4)

August 2006 (1)

Juli 2006 (1)

Juni 2006 (3)

Mai 2006 (1)

April 2006 (3)

März 2006 (1)

Februar 2006 (1)

Januar 2006 (2)

Dezember 2005 (3)

November 2005 (1)

Oktober 2005 (1)

September 2005 (2)

August 2005 (2)

Juli 2005 (3)

Juni 2005 (2)

April 2005 (4)

November 2004 (1)

Oktober 2004 (1)

September 2004 (1)

August 2004 (1)

Juni 2004 (2)

Mai 2004 (1)

Presseschau

Termine

5. TMF-Sitzungswoche (Berlin)

19.11.2019 - 25.11.2019



AG-Sitzung Medizinische Bioinformatik und Systemmedizin (Berlin)

03.12.2019




Interviews

Interview: Deutschland verliert den Anschluss in der genomischen Medizin

Gespräch mit Prof. Dr. Michael Krawczak, Jürgen Eils und Dr. Roman Siddiqui


 
© TMF e.V. Glossar     Datenschutzhinweis     Info an den Webmaster     Seite drucken      Seitenanfang