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IT-Infrastrukturen im Gesundheitswesen stärker fördern

GMDS-Jahrestagung 2018 in Osnabrück

12.09.2018. Digitalisierung, Big Data und Künstliche Intelligenz sowie deren Anwendung in Patientenversorgung, Forschung und Lehre – diese Themen standen im Vordergrund der 63. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS e.V.). Die Tagung fand unter dem Motto „Das Lernende Gesundheitssystem: forschungsbasiert, innovativ, vernetzend“ vom 2. bis 6. September 2018 in Osnabrück statt. Über 700 Medizininformatiker, Biometriker, Epidemiologen und Systembiologen nahmen daran teil.

GesundheitsCampus Osnabrück als Beispiel für „Lernendes Gesundheitssystem“

 
GMDS-Tagungspräsidentin Professorin Dr. U. Hübner (HS Osnabrück) begrüßt die Teilnehmenden.  
„Das Leitthema der GMDS-Jahrestagung 'Lernendes Gesundheitssystem' ist ein wissenschaftliches Konzept für den geregelten Transfer von Wissen aus der Forschung in die Praxis und zurück“, erläuterte Tagungspräsidentin Professorin Dr. Ursula Hübner (Hochschule Osnabrück). „Das Motto manifestiert sich im GesundheitsCampus Osnabrück, einem Zusammenschluss von Wissenschaft, regionalen Gesundheitsversorgern und ihren Trägerorganisationen aus Kommune und Kirche“, ergänzte Professorin Dr. Birgit Babitsch (Universität Osnabrück). Daran werde deutlich, wie komplexe Verfahren der Medizinischen Informatik, Biometrie, Epidemiologie und Bioinformatik dazu führen, neue Erkenntnisse im Dialog zwischen Wissenschaft und Gesundheitsversorgung zu gewinnen. Der GesundheitsCampus sei auch Ausdruck der Interdisziplinarität an der Universität Osnabrück.

„Osnabrücker Erklärung“ stellt Nutzen für Patientinnen und Patienten in den Vordergrund

 
  Tagungsort Universität und Hochschule Osnabrück
„Medizinischer Fortschritt braucht digitale Daten.“ Das betont die GMDS in ihrer„Osnabrücker Erklärung“, die sie anlässlich der Jahrestagung veröffentlicht hat. Vor dem Hintergrund der Defizite in der Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens fordert die Fachgesellschaft, „mit digital aufgestellten Einrichtungen ein System zu etablieren, das Digitalisierung, Big Data und Künstliche Intelligenz in einer umfassenden und dem Nutzen für die Patientinnen und Patienten verpflichtenden Weise bündelt“.

Zu diesem Zweck fordert die GMDS Unterstützung für Maßnahmen zur Digitalisierung der Gesundheitseinrichtungen, zum interoperablen Austausch von Daten zwischen Gesundheitseinrichtungen und mit der Wissenschaft auf Basis internationaler Standards sowie zur Schaffung der Möglichkeit einer digitalen Teilhabe für Patienten. So erklärte Professor Dr. Alfred Winter, Vizepräsident der GMDS, es sei wichtig, dass Patienten die Datenhoheit behalten. Gleichzeitig müsse die Wissenschaft Daten nutzen können. Er forderte die Politik auf, in diesem Bereich mehr Verantwortung zu übernehmen und den Aufbau von IT-Infrastrukturen im Gesundheitswesen stärker zu fördern.

 

Leuchtturmprojekt Medizininformatik-Initiative

 
   
Beispielhaft für ein solches Förderprojekt ist die Medizininformatik-Initiative. Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Initiative bringe die medizinische Forschung wesentlich voran und sei eine wichtige Voraussetzung für den Aufbau entscheidungsunterstützender Systeme in der Patientenversorgung. Die Entwicklungen solcher Leuchtturmprojekte müssten aber in die Fläche getragen und weiter vorangetrieben werden, damit die Versorgung aller Patientinnen und Patienten erforscht und verbessert werden kann, sagte Winter.

Das Ziel einer besseren Patientenversorgung betonte auch Professor Dr. Otto Rienhoff (Universitätsmedizin Göttingen). Während des internationalen Workshops zur Medizininformatik-Initiative im Rahmen der GMDS-Jahrestagung machte er deutlich, dass der Aufbau von IT-Infrastrukturen innerhalb der bundesweiten Initiative nur eine Seite der Medaille sei. Vielmehr müsse der daraus resultierende wissenschaftliche Fortschritt für die Patientenversorgung („clinical impact“) auch anhand statistischer Daten in klinischen Studien demonstriert und auch für Politik und Öffentlichkeit sichtbar gemacht werden.

Konsortien präsentieren Anwendungsfälle

 
  Professor Dr. Dr. M. Marschollek (MHH) zum HiGHmed-Use Case „Infektionskontrolle“
In dem Workshop stellten die vier im Rahmen der Medizininformatik-Initiative geförderten Konsortien den aktuellen Stand ihrer Arbeit, Herausforderungen und Lösungsansätze vor. Professor Dr. Dr. Michael Marschollek (HiGHmed, Medizinische Hochschule Hannover) erläuterte den Use Case „Infektionskontrolle“. Darin entwickelt das HiGHmed-Konsortium ein automatisiertes Frühwarn- und Clustersystem. Es soll multiresistente Keime und deren Transmissionswege innerhalb und zwischen Kliniken identifizieren und prüfen, ob es sich bei den Erregerclustern um Ausbrüche handelt, sowie mögliche Gründe für Übertragungen und Ausbrüche erkennen.

Professor Dr. Hans-Ulrich Prokosch (MIRACUM, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) berichtete über den Use Case „Datenvisualisierungen zur Unterstützung von Therapieentscheidungen“, der die komplexen Prozesse der Qualitätssicherung, Datenaufbereitung, -integration und Informationsrecherche zwischen genetischen Hochdurchsatzanalysen und der medizinischen Therapieentscheidung mit IT-Lösungen optimieren will.

Professor Dr. Markus Löffler (SMITH, Universität Leipzig) stellte die Anwendungsfälle „ASIC“ zum Management von Patientendaten auf Intensivstationen und „HELP“ zum leitliniengerechten Einsatz von Antibiotika vor. Dr. Fabian Prasser (DIFUTURE, Technische Universität München) beleuchtete die technologischen, aber auch organisationalen Herausforderungen in einem komplexen Projekt wie der Medizininformatik-Initiative. Sie resultierten u.a. daraus, dass viele Akteure mit unterschiedlichem Wissensstand in Bezug auf Technologien beteiligt seien. Die Wissenschaftler des DIFUTURE-Konsortiums sind zentral in die Erforschung der Multiple Sklerose (MS) und der Parkinson-Krankheit involviert.

TMF-Workshop vergleicht Datentreuhänderdienste für die medizinische Forschung


Dr. G. Ebert (TMF, Berlin) über Aufgaben von Datentreuhändern

„Datentreuhänder fungieren als Schnittstelle zwischen der Datenerhebung bzw. Datenhaltung in der Klinik oder durch den Arzt und dem Forscher als Datenempfänger, so dass Forscher niemals Zugriff auf die identifizierenden Daten von Patienten erhalten“, erläuterte Dr. Grit Ebert (TMF, Berlin) im Workshop der TMF bei der GMDS-Jahrestagung. „Eine Datentreuhandstelle ist eine selbstständige und unabhängige Stelle, die innerhalb des Forschungsverbundes liegen kann oder als externer Dienstleister beauftragt wird. In jedem Fall ist eine vertragliche Regelung zur Datentreuhänderschaft notwendig.“

 

Identitätsmanagement: Patientenliste und Pseudonymisierung

Die Treuhandstelle übernimmt das Identitätsmanagement, das für die eindeutige Identifizierung eines Patienten sorgt. Sie verwaltet und speichert hierzu die elektronisch geführte Patientenliste mit den identifizierenden Daten (IDAT) und den dazugehörigen Personenidentifikatoren (PID). Außerdem betreibt sie den Pseudonymisierungsdienst. Dabei wird der PID in ein Pseudonym (PSN) transformiert, dass im Anschluss an Forschungsverbünde weitergegeben wird. Somit erhalten Forscher ausschließlich pseudonymisierte Daten, damit sie nicht auf die Identitäten der Patienten schließen können. Weitere mögliche Aufgaben von Datentreuhändern sind z.B. die Depseudonymisierung bei Rückmeldungen von Forschungsergebnissen in die Versorgung oder das Einwilligungs- und Widerrufsmanagement. In die medizinischen Daten (MDAT) der Patienten haben Datentreuhänder keine Einsicht, sodass IDAT und MDAT immer getrennt voneinander gehalten werden. Das entspricht dem Prinzip der informationellen Gewaltenteilung, eines  der Grundprinzipien des Datenschutz-Leitfadens der TMF.

Im Workshop stellten vier Treuhänder ihre Dienste vor: die Unabhängige Treuhandstelle der Universitätsmedizin Greifswald, das GECKO Institut für Medizin, Informatik und Ökonomie der Hochschule Heilbronn, die PMV Forschungsgruppe des Universitätsklinikums Köln sowie die Schütze Consulting AG. Dabei zeigten sich grundlegende Gemeinsamkeiten. So sollten die Treuhänder schon ab der Projektplanung eingebunden und die Daten der Treuhandstelle in digitaler Form bereitgestellt werden. Jeder der vier Dienstleister bietet einen Pseudonymisierungsdienst, darunter zwei Stellen zusätzlich die Verwaltung der Patientenliste an. „Die Dienste unterscheiden sich nur geringfügig, beispielsweise in den Anwendungsbereichen. Die Auswahl einer Treuhandstelle sollte sich nach den Anforderungen des jeweiligen Forschungsprojekts richten“, fasste Dr. Knut Kaulke (TMF, Berlin) zusammen.

Treuhandangebote im TMF-Portal ToolPool Gesundheitsforschung


   

Die im Workshop vorgestellten Treuhänderdienste sind als Beratungsangebote im IT-Portal ToolPool Gesundheitsforschung der TMF zu finden. Das im März 2017 gestartete Webangebot erleichtert Wissenschaftlern die Suche nach geeigneten Produkten für den Aufbau von IT-Infrastrukturen für ihr Forschungsprojekt – von Software-Tools über Gutachten und Checklisten bis zu Beratungs- und Schulungsangeboten. Zu jedem Produkt ist ein Ansprechpartner für Rückfragen angegeben. Außerdem wird aufgeführt, in welchen Forschungsprojekten das Produkt bereits verwendet wird.   


Vortragsfolien zum Workshop „Vergleich elektronischer Treuhänderdienste in der medizinischen Forschung“

  1. TMF-Vortragsfolien
    [PDF | 630 KB]
  2. Unabhängige Treuhandstelle der Universitätsmedizin Greifswald
    [PDF | 3 MB]
  3. GECKO Institut für Medizin, Informatik und Ökonomie der Hochschule Heilbronn [PDF | 360 KB]
  4. PMV Forschungsgruppe am Universitätsklinikum Köln
    [PDF | 390 KB]
  5. Schütze Consulting AG
  6. [PDF | 1 MB]

Weitere Informationen

  1. Website der Medizininformatik-Initiative
  1. IT-Portal ToolPool Gesundheitsforschung der TMF

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