Pressemitteilung

Biobanking neu denken: Bundesweite Biobankplattform soll Forschung mit Bioproben und Forschungsdaten beschleunigen

14. Nationales Biobanken-Symposium bringt rund 200 Expertinnen und Experten in Berlin zusammen

Dr. Ronny Baber spricht am Rednerpult beim Biobanken-Symposium 2026.

Dr. Ronny Baber, Tagungspräsident des 14. Nationalen Biobanken-Symposiums 2026 und Leiter der Leipzig Medical Biobank. © TMF e.V./Volkmar Otto

Berlin, 16. September 2026. Biobanken entwickeln sich von klassischen Probensammlungen zu zentralen Knotenpunkten einer vernetzten, datengetriebenen medizinischen Forschung. Wie dieser Wandel gestaltet werden kann, diskutierten rund 200 Expertinnen und Experten aus Biobanken, Forschung, Versorgung und Industrie beim 14. Nationalen Biobanken-Symposium am 15. und 16. September 2026 in Berlin. Unter dem Motto „Biobanking neu denken!“ standen neue Forschungsinfrastrukturen, die Verknüpfung von Bioproben und Gesundheitsdaten sowie innovative Technologien und Qualitätsstandards im Mittelpunkt.

„Biobanken sind längst nicht mehr ausschließlich Sammlungen hochwertiger biologischer Proben und assoziierter Daten, sondern integrale Bestandteile einer vernetzten, datengetriebenen Forschungslandschaft“, betont Dr. Ronny Baber, Tagungspräsident des 14. Nationalen Biobanken-Symposiums und Leiter der Leipzig Medical Biobank. Die Verbindung von Biomaterialien mit klinischen, molekularen und bildgebenden Daten, die Nutzung künstlicher Intelligenz und die Vernetzung nationaler und europäischer Forschungsinfrastrukturen eröffneten neue Möglichkeiten für die biomedizinische Forschung und Präzisionsmedizin. Gleichzeitig stiegen die Anforderungen an Qualität, Standardisierung, Nachhaltigkeit sowie ethische und rechtliche Rahmenbedingungen.

Biobank-Plattform für Deutschland soll Forschung beschleunigen

Eine zentrale Rolle spielte auf dem Symposium die neue Biobank-Plattform für Deutschland. Im Netzwerk Universitätsmedizin (NUM) entsteht eine bundesweite Forschungsinfrastruktur, die den Zugang zu qualitätsgesicherten Bioproben und den dazugehörigen klinischen und analytischen Daten vereinfachen und standardisieren soll. Sie baut auf den Strukturen und Erfahrungen des German Biobank Network (GBN) auf.

Die Plattform soll dabei mehr leisten als die technische Vernetzung bestehender Biobanken. Geplant sind gemeinsame Governance- und Kooperationsstrukturen, einheitliche Qualitätsstandards und Ringversuche, eine gemeinsame Fortbildungs- und Trainingsinfrastruktur sowie regionale Biobank-Hubs. Darüber sollen künftig auch Krankenhäuser, Facharztpraxen, Rehabilitationseinrichtungen und weitere Versorgungspartner außerhalb der Universitätsmedizin stärker in die Gewinnung von Forschungsproben einbezogen werden. Auch bislang nur eingeschränkt für die Forschung erschlossene Routineproben aus Pathologie und Laboratoriumsmedizin sollen systematischer nutzbar gemacht werden.

Ein wichtiges Ziel ist es, die heute häufig langwierige Suche nach geeigneten Proben und die Abstimmung zwischen unterschiedlichen Standorten zu verkürzen. Einheitliche Zugangs-, Qualitäts- und Governance-Strukturen sollen multizentrische Forschungsprojekte erleichtern und Biobanking frühzeitig in die Planung klinischer Studien integrieren.

„Die internationale biomedizinische Forschung entwickelt sich zunehmend hin zu großen, vernetzten Forschungsinfrastrukturen mit harmonisierten Qualitätsstandards und interoperablen Datenräumen. Mit der neuen Biobank-Plattform soll Deutschland eine führende Rolle einnehmen“, erläutert PD Dr. Dr. Michael Kiehntopf, TMF-Vorstand und GBN-Vorstand.

PD Dr. Dr. Michael Kiehntopf mit einem Mikrofon während des Biobanken-Symposiums 2026.

PD Dr. Dr. Michael Kiehntopf, TMF-Vorstand und GBN-Vorstand. © TMF e.V./Volkmar Otto

Mit der neuen Biobank-Plattform soll Deutschland eine führende Rolle einnehmen.

Von Tumor-Organoiden bis zum 3D-Druck

Wie innovativ modernes Biobanking bereits heute ist, zeigten zahlreiche Beiträge des Symposiums. Forschende der Universitätsmedizin Rostock stellten beispielsweise eine Biobank mit patientenabgeleiteten Tumor-Organoiden vor. Diese dreidimensionalen Modelle bewahren wesentliche Eigenschaften des ursprünglichen Tumors und könnten künftig dazu beitragen, das individuelle Ansprechen auf Krebstherapien besser vorherzusagen. In einer Proof-of-Concept-Untersuchung mit Kopf-Hals-Tumoren zeigte die Kombination der Organoide mit patienteneigenen Immunzellen Potenzial für die Vorhersage des Ansprechens auf eine Anti-PD-1-Immuntherapie.

Auch in den Laboren selbst entstehen neue Lösungen. Die Gewebebank des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen Heidelberg nutzt beispielsweise 3D-Druck, um benötigte Laborkomponenten selbst herzustellen, wenn Standardprodukte für spezielle Biobanking-Prozesse nicht geeignet sind. Individuelle Komponenten können so schnell angepasst und in bestehende Geräte integriert werden. Das reduziert zugleich die Abhängigkeit von externen Anbietern.

Automatisierung spielt ebenfalls eine immer größere Rolle. Am Universitätsklinikum Heidelberg wurde eine automatisierte Lagerinfrastruktur aufgebaut, die auf 378 Quadratmetern rund 2,5 Millionen Probenaliquots bei minus 80 Grad Celsius und weitere 210.000 bei minus 196 Grad Celsius lagern kann. Redundante Kühlsysteme, Notstromversorgung und ein 24/7-Monitoring sollen dabei Probenqualität und Ausfallsicherheit gewährleisten.

Von alten Genomen zur Präzisionsmedizin

Einen besonderen Blick auf die Medizin der Zukunft warf Prof. Dr. Ben Krause-Kyora von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel in seiner Keynote „Von alten Genomen zur Präzisionsmedizin“. Anhand von Sequenzierungen alter DNA aus Knochen und Zähnen zeigte der Archäogenetiker, wie Evolution, Umwelt, Infektionskrankheiten und veränderte Lebens- und Ernährungsweisen unsere genetische Ausstattung geprägt haben und welche Bedeutung diese Entwicklung für heutige Erkrankungen hat. Die Verbindung historischer Biomaterialien mit modernen Biobanken eröffnet dabei neue Möglichkeiten, die Entstehung von Krankheiten besser zu verstehen und Erkenntnisse für Präzisionsmedizin und Prävention zu gewinnen.

Bioproben und Daten gemeinsam denken

Neben technischen Innovationen stand die Integration von Daten im Mittelpunkt des Biobanken Symposiums. Denn der wissenschaftliche Wert einer Bioprobe hängt stark davon ab, welche qualitätsgesicherten Informationen mit ihr verbunden werden können. Klinische Daten, Studiendaten, molekulare Informationen und weitere Forschungsdaten müssen deshalb über Einrichtungen hinweg interoperabel zusammengeführt werden können.

Das Symposium zeigte zugleich, dass Digitalisierung bereits bei der Gewinnung von Bioproben ansetzt. Vorgestellt wurden unter anderem Ansätze zur automatisierten Bioprobensammlung durch die Integration eines digitalen Broad Consent in Krankenhausinformationssysteme.

Für die TMF, die das Nationale Biobanken-Symposium als jährliches Fachforum ins Leben gerufen hat und seit 2012 ausrichtet, ist die stärkere Datenintegration von Biobanken ein zentrales Zukunftsthema. Dabei geht es nicht allein um technische Schnittstellen. Gemeinsame Datenstandards, Qualitätssicherung sowie abgestimmte rechtliche und organisatorische Verfahren sind Voraussetzung dafür, Bioproben und die mit ihnen verbundenen Daten standortübergreifend für die Forschung nutzbar zu machen.

„Der Wert von Bioproben für die Forschung wächst entscheidend mit den Daten, die wir qualitätsgesichert mit ihnen verknüpfen können. Deshalb müssen wir Biobanken konsequent als Teil einer Forschungsdateninfrastruktur denken, die Bioproben, klinische Daten und Forschungsdaten interoperabel zusammenführt – auf der Basis gemeinsamer Standards und über Institutionsgrenzen hinweg. Genau darin liegt eine zentrale Aufgabe“, sagte Sebastian C. Semler, Geschäftsführer der TMF.

Sebastian C. Semler spricht am Rednerpult beim Biobanken-Symposium 2026.

TMF-Geschäftsführer Sebastian C. Semler. © TMF e.V./Volkmar Otto

Pressekontakt

Wiebke Lesch (TMF e.V.)
Tel.: +49 30 2200 24731
Mobil: +49 177 2663257
E-Mail: presse@tmf-ev.de

Über die TMF e.V.

Über die TMF e.V.

Die TMF – Technologie- und Methodenplattform für vernetzte medizinische Forschung e. V. ist die Dachorganisation für die medizinische Verbundforschung in Deutschland. Sie bringt Forschende unterschiedlicher Disziplinen zusammen, um gemeinsam Konzepte, Infrastrukturen und Methoden für die Forschung zu entwickeln. In der AG Biobanken werden Themen wie rechtliche, ethische und technische Rahmenbedingungen für Biobanken diskutiert. Insbesondere große Konsortialvorhaben und Leuchtturmprojekte wie aktuell die Medizininformatik-Initiative werden durch die TMF koordiniert. Mit der Bündelung von Ressourcen leistet die TMF einen wichtigen Beitrag zu einer effizienten medizinischen Spitzenforschung in Deutschland.