Home
Über uns
Mitglieder
Arbeitsgruppen
Projekte
Produkte
Publikationen
Stellungnahmen
News
Interviews
Newsletter
Infos abonnieren
Presse
Termine
Stellenmarkt
Online-Services
 

 

„Data sharing hat in der Genomforschung Tradition“

Interview mit Prof. Dr. Michael Krawczak zur gemeinsamen Nutzung und Publikation von genetischen Daten – Workshop von TMF und e:Med im Juni

Mai 2016. Am 8. und 9. Juni 2016 veranstalten die TMF und die e:Med Systemmedizin-Forschungsverbünde gemeinsam einen Workshop zum Thema „Best Practice – Sharing and Publishing of Human (Gen)Omics Data“. Im Rahmen des Workshops sollen die Probleme beleuchtet werden, vor die sich nationale und internationale Konsortien hinsichtlich der gemeinsamen Nutzung und Publikation von Forschungsdaten gestellt sehen. Im Vorfeld des Workshops sprach die TMF mit Prof. Dr. Michael Krawczak (Institut für Medizinische Informatik und Statistik, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel) über Chancen und Herausforderungen einer gemeinsamen Datennutzung und über seine Erwartungen an die Veranstaltung.


Eine Kurzfassung des Interviews erscheint in der Juni-Ausgabe der Zeitschrift E-Health-Com.


 

Herr Professor Krawczak, in den letzten Jahren wird intensiv über „data sharing“ und die öffentliche Bereitstellung von medizinischen Forschungsdaten diskutiert. Wie ist die Situation in der Genomforschung?

In der Genomforschung, bei der im Hochdurchsatz große Datenmengen erzeugt werden, gibt es schon eine relativ lange Tradition der gemeinsamen Datennutzung. Dahinter steckt im Wesentlichen die Einsicht, dass angesichts des schwachen bis moderaten Einflusses einzelner genetischer Faktoren auf Volkskrankheiten möglichst große Fallzahlen untersucht werden müssen. Und diese Fallzahlen erzielt man eben nur, wenn Daten geteilt und gemeinsam genutzt werden. Die so genannte „Post-GWAS-Forschung“, die sich derzeit an die Ära der Hochdurchsatz-Genotypisierung anschließt, geschieht überhaupt nur noch in großen Konsortien.

Über einen längeren Zeitraum gab es allerdings die dezidierte Forderung der National Institutes of Health (NIH) der USA, genomische Daten möglichst zeitnah in öffentlichen Repositorien bereitzustellen. Das ging so weit, dass das Teilen von Daten zur zwingenden Voraussetzung für öffentliche Förderung wurde. Man ist da wieder etwas zurückgerudert, weil sich gezeigt hat, dass die möglichen Datenschutzrisiken weder verstanden noch bewältigt waren.
  

Wie sieht dieses „data sharing“ konkret aus? Wie reagieren die Forscher?

Für mich ist immer noch nicht schlüssig, warum „data sharing“ heißen muss, dass Daten immer auch physikalisch zusammengeführt werden müssen. Ich bin der Ansicht, dass Wissenschaftler und Wissenschaftsmanager mehr über alternative Methoden nachdenken sollten, die keine physikalische Integration der Daten voraussetzen und darüber hinaus die intellektuellen Eigentumsrechte an den Daten unberührt lassen. Die allermeisten Wissenschaftler sind ja bereit, Daten zu teilen – auf individuelle Anfrage und in bilateraler Abstimmung. Diese Bereitschaft stößt aber schnell an Grenzen, wenn „data sharing“ zwingend bedeutet, Daten – und damit auch die Verfügungsgewalt über diese Daten – abzugeben.

Wissenschaftler sind insbesondere dann bereit, Daten zu teilen, wenn sie aus den Daten schon einen wesentlichen Nutzen für ihre eigene Arbeit – und sagen wir ruhig: auch für ihre eigene Karriere – gezogen haben. Ich glaube aber nicht, dass viele Wissenschaftler bereit wären, umfangreiche Investitionen in die Erzeugung von Daten zu tätigten, um diese dann von Anfang an in große Konsortien oder Datenbanken einzubringen.

Das sieht man ganz deutlich an der bereits erwähnten Post-GWAS-Forschung: Dabei dreht sich alles um große Datenbestände, teilweise auch aus Konsortien, die hinsichtlich der primären Fragestellung – dem Suchen nach genetischen Risikofaktoren für eine bestimmte Erkrankung – schon „abgearbeitet“ sind. Publikationen sind bereits erfolgt, wodurch die Bereitschaft zum Teilen der Daten verständlicherweise groß ist. Auf diese Art der Nachnutzung zielen letztendlich ja auch die Initiativen von Förderorganisationen wie der DFG ab. Daten einer vernünftigen Nachnutzung zuzuführen bedeutet eben nicht Teilen von Anfang an. Je weiter nachgelagert die Nutzung ist, umso bereiter sind Wissenschaftler zum Teilen ihrer Daten.
  

Ist die gemeinsame Datennutzung nicht eigentlich im Sinne des Patienten?

Natürlich ist es im Sinne der Patienten, wenn ihre Daten auf die bestmögliche Art und Weise wissenschaftlich genutzt werden. Aber die Frage ist, wie die Entscheidung über die Datennutzung ausgestaltet ist und welche Einwilligung ihr zugrunde liegt.

In der Regel hängt die Teilnahme an Studien und die Bereitschaft der Patienten, Daten und Biomaterial hierfür bereitzustellen, stark an der jeweiligen Institution. Wenn Patienten nicht explizit gefragt wurden, ob ihre Daten nach der Forschung an dieser Institution an große Konsortien gehen dürfen, ist es problematisch, ein Einverständnis mit dieser Weitergabe einfach zu unterstellen. Man kann nicht voraussetzen, dass der Patientenwille sich auch auf jede Form einer nachgelagerten Nutzungen erstreckt, insbesondere dann nicht, wenn die Entscheidung über Art und Umfang der Nachnutzung nicht mehr bei den Institutionen liegt, denen sie ursprünglich zur Verfügung gestellt wurden.
  

Kann man sagen, wie hoch das Risiko ist, dass eine Person in so einer großen Datenbank identifiziert werden kann?

Je umfangreicher, reichhaltiger und individueller Daten sind, die zu einer Person in einer Datenbank gespeichert wurden, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, individuelle Einträge in einer solchen Datenbank re-identifizieren zu können. Das gilt übrigens nicht nur für genomische Daten. Oft sind die Daten selbst aber gar nicht das Problem, sondern die Möglichkeit, durch sie auf andere, kritische Daten zuzugreifen, deren Nutzung durch die ursprüngliche Einwilligung nicht gedeckt ist. Gerade „omics“-Daten sind so reichhaltig und spezifisch, dass deren Zuordnung zu einem (personenbezogenen) Referenzdatensatz schon mit einem relativ kleinen Ausschnitt der Daten möglich ist.

Allerdings bleibt bei diesen Überlegungen die Frage: Was hätte man davon? Und wie kommt man an personenbezogene Teildaten? Theoretisch ist vieles möglich, in der Praxis aber ist das meiste davon nicht eben einfach. Der technische Aufwand zur Erzeugung oder Beschaffung von „omics“-Daten – auch in Teilen – ist  noch immer relativ hoch.
 

Man spricht von öffentlicher Bereitstellung von Forschungsdaten. Was heißt denn das, sind diese Daten einfach so im Internet?

Nach meiner Einschätzung sind Datensammlungen, wenn sie wissenschaftlich seriös sind, nicht einfach im Internet verfügbar. Alle großen Datenbanken, die ich kenne, erfordern das Durchlaufen von Anmelde- und Authentifizierungsverfahren mit entsprechenden Kontrollen. Öffentliche Bereitstellung heißt normalerweise nicht, dass Daten offen herumliegen.
  

Welche methodischen Herausforderungen bringt die gemeinsame Datennutzung mit sich?

Schon allein die Tatsache, dass dabei auf große Fallzahlen abgezielt wird, zeigt, dass es um schwache Effekte mit wenig Aussagekraft über das einzelne Individuum geht. Und auch hinsichtlich der biologischen Mechanismen, die dem Krankheitsgeschehen zugrunde liegen, sind die Daten in der Regel nicht besonders aussagekräftig.

Der Befund einer genetischen Variante, die das Risiko für eine Volkskrankheit von fünf auf sechs Prozent erhöht, mag zwar statistisch signifikant sein. Es ist aber extrem unwahrscheinlich, dass sich hinter diesem Effekt ein einfach aufzudeckender biologischer Mechanismus verbirgt. Nur wenige genetische Risikofaktoren haben so starke Effekte, dass man damit etwas über die zugrunde liegenden Mechanismen aussagen könnte. Diese Einsicht hat sich allerdings erst im Laufe der Zeit eingestellt. Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen spielen z.B. hunderte genetische Faktoren eine Rolle, jeder wahrscheinlich auf eine andere Art und Weise. Deren präzise Mechanismen aufzudecken, ist extrem schwierig, und große Datenmengen allein werden uns bei der Aufklärung nicht mehr weiterhelfen. Vielmehr ist experimentelle Arbeit erforderlich, z.B.  mit in vitro- oder Tiermodellen, oder es muss im Sinne der Systemmedizin viel theoretisches Vorwissen eingebracht werden.
  

Was erwarten Sie von dem Workshop im Juni?

Ich erwarte zunächst einmal eine Bestandsaufnahme der Problematik, weil es meiner Erfahrung nach hierzu zu wenig Dialog gegeben hat, weder zwischen IT-Experten und Forschern noch mit Ethikern, Datenschützern und Juristen. Der Workshop soll diese Gruppen zusammenbringen, gerade vor dem Hintergrund der Herausforderungen der e:Med-Forschungsverbünde. Also einfach gesagt: Jeder erzählt mal, wo ihn der Schuh drückt und wie er die Sache sieht. Meine Hoffnung ist, dass am Ende alle eine bessere gemeinsame Sicht auf das Problem haben und das Treffen Ausgangspunkt einer engeren Zusammenarbeit der verschiedenen beteiligten Gruppen wird.
  

Herr Professor Krawczak, wir danken für das Gespräch.

Das Interview führte Antje Schütt.

 

Prof. Dr. Michael Krawczak ist Direktor des Instituts für Medizinische Informatik und Statistik, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, und Vorstandsvorsitzender der TMF.


Weitere Informationen

  1. Workshop „Best Practice – Sharing and Publishing of Human (Gen)Omics Data“ am 8./9. Juni 2016 in Berlin - Informationen & Anmeldung

 

News Archiv

November 2018 (5)

Oktober 2018 (8)

September 2018 (5)

August 2018 (3)

Juli 2018 (2)

Juni 2018 (7)

Mai 2018 (1)

April 2018 (1)

März 2018 (7)

Februar 2018 (2)

Januar 2018 (7)

Dezember 2017 (6)

November 2017 (2)

Oktober 2017 (3)

September 2017 (4)

August 2017 (1)

Juli 2017 (8)

Juni 2017 (9)

Mai 2017 (4)

April 2017 (2)

März 2017 (5)

Februar 2017 (2)

Januar 2017 (4)

Dezember 2016 (8)

November 2016 (5)

Oktober 2016 (4)

September 2016 (7)

August 2016 (5)

Juli 2016 (8)

Juni 2016 (5)

Mai 2016 (3)

April 2016 (11)

März 2016 (5)

Februar 2016 (3)

Januar 2016 (8)

Dezember 2015 (6)

November 2015 (3)

Oktober 2015 (8)

September 2015 (5)

August 2015 (4)

Juli 2015 (7)

Juni 2015 (7)

Mai 2015 (5)

April 2015 (2)

März 2015 (6)

Februar 2015 (7)

Januar 2015 (8)

Dezember 2014 (6)

November 2014 (9)

Oktober 2014 (10)

September 2014 (3)

Juli 2014 (6)

Juni 2014 (5)

Mai 2014 (4)

April 2014 (8)

März 2014 (8)

Februar 2014 (6)

Januar 2014 (7)

Dezember 2013 (8)

November 2013 (6)

Oktober 2013 (5)

September 2013 (10)

August 2013 (4)

Juli 2013 (8)

Juni 2013 (7)

Mai 2013 (4)

April 2013 (9)

März 2013 (9)

Februar 2013 (5)

Januar 2013 (5)

Dezember 2012 (7)

November 2012 (5)

Oktober 2012 (5)

September 2012 (5)

August 2012 (3)

Juli 2012 (4)

Juni 2012 (4)

Mai 2012 (3)

April 2012 (3)

März 2012 (5)

Januar 2012 (7)

Dezember 2011 (2)

November 2011 (8)

Oktober 2011 (10)

September 2011 (2)

August 2011 (5)

Juli 2011 (3)

Juni 2011 (5)

Mai 2011 (8)

April 2011 (4)

März 2011 (5)

Februar 2011 (3)

Januar 2011 (5)

Dezember 2010 (3)

November 2010 (3)

Oktober 2010 (5)

September 2010 (9)

August 2010 (5)

Juli 2010 (6)

Juni 2010 (12)

Mai 2010 (3)

April 2010 (4)

März 2010 (4)

Februar 2010 (4)

Januar 2010 (1)

Dezember 2009 (1)

November 2009 (1)

Oktober 2009 (5)

September 2009 (8)

August 2009 (1)

Juli 2009 (8)

Juni 2009 (6)

Mai 2009 (2)

April 2009 (6)

März 2009 (5)

Februar 2009 (4)

Januar 2009 (2)

Dezember 2008 (3)

November 2008 (6)

Oktober 2008 (3)

September 2008 (5)

August 2008 (3)

Juli 2008 (5)

Juni 2008 (4)

Mai 2008 (3)

April 2008 (6)

März 2008 (3)

Februar 2008 (1)

Januar 2008 (2)

Dezember 2007 (2)

November 2007 (4)

Oktober 2007 (4)

September 2007 (5)

Juni 2007 (2)

Mai 2007 (1)

April 2007 (6)

Januar 2007 (1)

Dezember 2006 (8)

November 2006 (4)

Oktober 2006 (1)

September 2006 (4)

August 2006 (1)

Juli 2006 (1)

Juni 2006 (3)

Mai 2006 (1)

April 2006 (3)

März 2006 (1)

Februar 2006 (1)

Januar 2006 (2)

Dezember 2005 (3)

November 2005 (1)

Oktober 2005 (1)

September 2005 (2)

August 2005 (2)

Juli 2005 (3)

Juni 2005 (2)

April 2005 (4)

November 2004 (1)

Oktober 2004 (1)

September 2004 (1)

August 2004 (1)

Juni 2004 (2)

Mai 2004 (1)

Presseschau

Termine

TMF-Workshop: OMICS in Medical Research 2nd edition (Berlin)

10.12.2018



7. Nationales Biobanken-Symposium 2018 (Berlin)

11.12.2018 - 12.12.2018




Interviews

„Wir brauchen dringend einen bundesweit einheitlichen Dokumentations­standard für die gesamte Versorgungskette des Notfallpatienten“

Interview mit Univ.-Prof. Dr. med. Rainer Röhrig (Universität Oldenburg) und Univ.-Prof. Dr. med. Felix Walcher (Universität Magdeburg) zum Aufbau eines nationalen Notaufnahmeregisters


 
© TMF e.V. Glossar     Datenschutzhinweis     Info an den Webmaster     Seite drucken      Seitenanfang